SELTSAM BEFREMDLICH
Die Arbeiten der letzten Jahre, die in der Ausstellung SELTSAM BEFREMDLICH zusammenkommen, bilden eine Art Chronik dieser volatilen Epoche. Wo kollektive Gewissheiten erodieren, gesellschaftliche Fronten unversöhnlich verhärten und der politische Diskurs durch das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte zunehmend von Abneigung gezeichnet ist, gerät die Oberfläche unseres Zusammenlebens ins Wanken.
Die Werkschau zeugt dabei nicht von persönlicher Orientierungslosigkeit. Im Gegenteil: Während die individuelle Haltung angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen erstarkt, wächst die drängende Frage nach dem richtigen Umgang mit dieser Realität, nach einer Haltung gegenüber dem Zusehen, dem Aushalten und dem Handeln.
Im Zentrum der Arbeiten steht das Erleben von Entfremdung und Zäsur. Das Abwenden von Menschen, das Beschreiten getrennter Wege und der Zerfall einst gemeinsamer Räume durchziehen die Werke sowohl im gesellschaftlichen Mikrokosmos als auch vor dem Hintergrund weltpolitischer Erschütterungen.
Unter anderem beschäftigt sich die Ausstellung mit den existenziellen Folgen des Ukraine-Kriegs: Die Erfahrung von Flucht, das gewaltsame Auseinanderreißen von Familien und die schmerzhafte Suche nach Wiederzusammenfügen werden erkennbar. Schwellenräume wie "Przemyśl", als Sinnbild für die Bruchkanten europäischer Realität, stehen dabei im Dialog mit Werken wie "Benko", die das Scheitern ökonomischer Systeme und die daraus resultierende gesellschaftliche Ernüchterung spürbar machen.
Vor den unruhigen, geschichteten Abstraktionen setzen figurale Arbeiten wie "Barszene" oder "Pride" bewusste Gegenpole und brechen motivisch heraus. Sie beleuchten beinahe beiläufige Alltagsszenen und stellen zugleich das kompromisslose Bekenntnis zur Liebe, Homosexualität und Selbstbestimmung in den Vordergrund. Doch auch diese Schutzräume geraten unter Druck: Unter dem Eindruck realer Gewalt, wie dem tödlichen queerfeindlichen Anschlag beim CSD in Münster verhandelt das Motiv "Pride" nicht nur die Sichtbarkeit von Identität, sondern auch die reale Verwundbarkeit einer offenen Gesellschaft.
Diese Spannungsfelder tastet die Werkschau auch geistesgeschichtlich ab. Der Tod von Jürgen Habermas innerhalb der Schaffensphase bildet einen gedanklichen Wendepunkt: Seine Theorie des Diskurses dient als Folie für Arbeiten, die nach den Bedingungen einer funktionierenden Demokratie fragen und nach den Konsequenzen, wenn das Miteinandersprechen verstummt. In der Werkgruppe "Demokratietheorie" wird diese Fragilität verhandelt, während Referenzen auf Thomas Mann in "Geist>Ungeist" die Kurzatmigkeit heutiger Debatten mit den Kontinuitäten deutscher Kultur- und Identitätskrisen konfrontieren.
Im Zusammenspiel aus zeitkritischer Schärfe, geistesgeschichtlicher Rückbindung und intimer Figuration eröffnet die Werkschau einen offenen Resonanzraum für die Fragen einer ungewissen Gegenwart.
Transformationsschwelle
Geist>Ungeist
Przemyśl
Warten auf Heilsbringer